
Und hier ist er wieder: Der Frühling! Aus tot Geglaubtem wird neues Leben, an leeren Ästen wachsen neue Blätter, Blumen blühen und die Vögel singen. Wie tröstlich doch der Frühling ist. Trotz aller Unbill auf dieser Welt, trotz Schwerem und Bedrückendem zeigt er uns, dass er stärker ist, unbeugsam, eindeutig und willig.
Diese Wechsel in der Natur sind unsere Lehrmeister. Wir können uns diesen Zyklen anvertrauen, die auch unsere sind. Dafür gibt es auch das schöne Wort «Hingabe». Sich hinzugeben, ist eine heilsame und bereichernde Erfahrung, denn sie löst den Widerstand auf, bricht das «Nicht-wollen» und nimmt uns mit ins Hier und Jetzt.
In dieses Jetzt ist das Vergangene eingewoben und als Prägung spürbar. Das Zukünftige ist wie eine Wolke am Himmel, die darauf hinweisen kann, was kommen wird. Wir mittendrin im Jetzt sind in der Lage zu handeln. Das zu spüren, ist hilfreich, denn es gibt keine andere Möglichkeit zu wirken als jetzt. Auch am Ende des Lebens gibt es dieses «Jetzt» fortlaufend. Das ist auch der Grund, warum mir der Begriff der Sterbebegleitung fremd bleiben wird.
Wann beginnt denn dieses Sterben? Was gehört zum Leben und was allenfalls schon zum Tod? Eben: Dem Tod gehört nichts vom Leben, er ist dessen Ende. Genau darum sage ich: Im Hospiz findet Lebensbegleitung statt. Auch diese ist geprägt von Hingabe, Aufmerksamkeit und Wohlwollen.
Wir sind gut beraten, diese Haltung beim Verlassen des Hospizes beizubehalten. Beobachten Sie, was geschieht, wenn Sie den Menschen wohlwollend und hingegeben an den Moment begegnen. Am besten gelingt dies mit Kindern: Lächeln wir sie an, lächeln sie zurück, winken, spielen mit den Augen und treten unmittelbar in Kontakt. Sie sind offen und frei, ganz im Sein, hingegeben an den Augenblick und seine Möglichkeiten.
Jeder Augenblick ist kostbar. Darum sollten wir, auch wenn wir viel zu tun haben, immer wieder innehalten. Wir praktizieren das im Hospiz täglich: 15 Minuten innehalten, zusammen still sein, jeden Tag und nota bene zu Arbeitszeit! Das bewährt sich, mittet uns und führt uns direkt in den einzigen Moment, der zählt: Jetzt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen blütenreichen, unmittelbar erlebten Frühling!
Mit herzlichen Grüssen
Herzlich, Sibylle Jean-Petit-Matile
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